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Neue Studie zur Twitternutzung bei den deutschen Parteien

IfM-Studie: Politiker twittern gefährlich

„Realpolitischer Kater“ nach dem „kommunikativen Vollrausch“/ Twitterverhalten von 13 Bundespolitikern und Aktivisten untersucht 

Twitter ist für Politiker ein gefährliches Medium, so stellt eine Studie des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM, Berlin/Köln) fest. Die Microblogging-Plattform mit Unternehmenssitz in San Francisco erscheine für viele Politiker auch in Deutschland attraktiv, „weil sie ohne große Zutrittsbarrieren schnelle Botschaften an alle versenden“ könnten, so IfM-Direktor Lutz Hachmeister. Unbedachte Kurznachrichten könnten jedoch „weitreichende und anhaltende negative Wirkungen haben“, häufig täusche die Twitterkommunikation auch „egalitäre Interaktivität“ vor, wo es letztlich „nur um die Bewahrung publizistischer und politischer Hierarchien“ gehe, so Hachmeister, etwa „im kumpelhaften Twitter-Umgangston bestimmter Journalisten mit Politikern der Piratenpartei“.

Im Auftrag des IfM haben die Münchener Soziologinnen Jasmin Siri und Katharina Seßler die Twitter-Accounts von 13 deutschen Politikern und Twitteraktivisten untersucht. Analysiert wurde über einen Zeitraum von vier Wochen unter anderem die Twitternutzung von Bundesumweltminister Peter Altmaier, SPD-Chef Sigmar Gabriel, Regierungssprecher Steffen Seibert, Dorothee Bär (CSU), Volker Beck (Grüne) und den PiratInnen Marina Weisband, Christopher Lauer und Julia Schramm. Dabei identifizierten die Soziologinnen vier Haupttypen der politischen Twitterkommunikation: striktes politisches Rollenverhalten, Einblicke in politische Prozesse, sanfte Ausflüge in das Privatleben und eine Aufhebung der Grenzen zwischen Politikerrolle und privater Existenz. 

Für den letzteren Twittermodus stehe etwa die ehemalige Piraten-Geschäftsführerin Marina Weisband, die „ebenso enthusiastisch wie konfus“ twittere (so Hachmeister im Vorwort zur Studie), „irgendwie von der Sehnsucht nach Veränderung bewegt, aber ohne einen Anflug von revolutionärem Elan“. Dagegen versende der hessische SPD-Vorsitzende Torsten Schäfer-Gümbel trockene Hinweise konform zu seiner Rolle als Berufspolitiker: „Starte in zwei Stunden meine Delegationsreise in Hessens neue Partnerprovinz Bursa/Türkei“. SPD-Chef Sigmar Gabriel lasse hauptsächlich sein Mitarbeiterteam jeweils aktuelle Parteilosungen verbreiten, so die Studie. Volker Beck, Dorothee Bär und vor allem Peter Altmaier seien dagegen stärker an einer dialogischen Verständigung mit den Followern interessiert und gingen auch ironisch miteinander um. Erste Ergebnisse der Studie waren im Januar 2013 bei einer Veransatltung im Projektzentrum Berlin der Stiftung Mercator diskutiert worden, bei der Piraten-Politiker Christopher Lauer seinen Ausstieg aus Twitter angekündigt hatte, weil das Medium für einen Politiker auf Dauer „zu ermüdend“ sei. 

Die Autorinnen der IfM-Studie empfehlen Politikern, dass „sie Twitter nur nutzen sollten, wenn sie darauf Lust haben und sich auf die Eigenlogik des Mediums einlassen möchten“. Wenn „eine öffentliche Person Twitter zu nutzen beginnt, wird das mit hoher Aufmerksamkeit bedacht – nicht nur, wenn es sich um das Oberhaupt der katholischen Kirche handelt“, so Siri/Seßler. Twitter werde zudem in einem Multi-Medieneffekt vor allem durch die Beachtung etablierter Medien wirksam. Als Beispiel dafür nennt die Studie die #Aufschrei-Kampagne gegen Sexismus, die durch zahlreiche Presseberichte und Fernsehtalkshows verstärkt worden sei, „angekommen im publizistischen Establishment und dort implodiert – zur Enttäuschung der Twitter-Aktivistinnen“. 

Bei der „Twitterpolitik“, so IfM-Direktor Hachmeister, bleibe „nach dem kommunikativen Vollrausch häufig ein realpolitischer Kater zurück“. Immerhin wüssten nach der #Aufschrei-Aktion jetzt auch ältere Publizisten und Politiker, dass „ein #Hashtag keine holländische Kifferzeremonie“ sei.
 
Jasmin Siri/ Katharina Seßler: Twitterpolitik. Politische Inszenierungen in einem neuen Medium. Mit einem Vorwort von Lutz Hachmeister hg. vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, gefördert von der Stiftung Mercator. 70 S., Berlin/Köln 2013. (Download)